Geniale Idee zur Armutsbekämpfung im Zwielicht PDF Drucken E-Mail
Mohammed Junus und die Mikrokredite
Einem Wohltäter der Menschheit, hören wir, wurde dieser Tage böse mitgespielt. Mohammed Junus, als Erfinder der sogenannten Mikrokredite zum Friedensnobelpreisträger geadelt, wurde „wegen Verleumdung angeklagt und aus seinen Ämtern gejagt“ und ist seitdem sehr traurig, wie die Süddeutsche Zeitung mitleidsvoll berichtet. Junus musste nämlich den Chefsessel seiner Grameen Bank für Mikrokredite in Bangladesh räumen.
Das ist wirklich ungerecht. Schließlich hat sich kaum jemand so verdient gemacht wie Junus um die Versöhnung von Armut und Finanzkapital. Er war es, der den Armen den Zugang zur Verschuldung eröffnet und dem Finanzkapital die Erschließung der massenhaften Armut als neuer Geschäftssphäre ermöglicht hat, ein fruchtbares Verhältnis, in dem beide Seiten das bleiben können, was sie sind: die einen arm, die anderen erfolgreiche Kapitalvermehrer.
Junus ist bekanntlich der Entdecker der Tatsache, dass das, was den Armen dieser Welt am meisten fehlt, nicht etwa genug zu essen, ein Dach überm Kopf und andere Dinge zur Befriedigung ihrer elementaren Lebensbedürfnisse sind, auch keine wohlmeinenden Geldspenden, um sich das Nötigste zu kaufen, sondern Geld als Kredit, Geld mit eingebautem Vermehrungszwang, der Stoff eben, für den das Finanzkapital zuständig ist. „Machen wir uns klar“, sagt Junus, „das Bankensystem ist ausgerichtet auf die Bedienung der Reichen. Es war nie dazu da, die Armen zu bedienen.“ Das gilt es zu ändern, dachte er sich und gründete eine Bank für die Armen. Die leiht ihnen Minibeträge, die sie in eine Kuh oder eine Nähmaschine oder sonstiges Kleinunternehmer-Kapital investieren sollen. Von dessen Geldertrag dürfen sie dann die durchaus stattlichen Zinsen ihres Mikrokredits aufbringen und diesen schließlich zurückzahlen. Auch die armenfreundlichen Mikrokredite bewähren sich schließlich nur dann als Kapital für die Bank, die sie ausgibt, wenn Zinsen und Rückzahlung klappen. Deshalb ist es wichtig, dass die Schuldner vorzugsweise Frauen sind. Die, so hat der schlaue Bankier Junus herausgefunden, sind zuverlässiger als Männer, was Zinsen und Rückzahlung angeht – vermutlich weil sie die Armut ihrer Familie am härtesten ausbaden müssen. Noch besser, wenn man gleich an kleine Gruppen von Frauen im Dorf Kredite vergibt. Dann machen die sich gegenseitig zum Agenten des Zwangs zur Rückzahlung. Natürlich muss sich die Armut der Kreditnehmer, also das Fehlen jeder pfändbaren Kreditsicherheit, in kräftigen Risikoaufschlägen auf den Zinssatz niederschlagen. Die machen aber immer noch höchstens die Hälfte der Wucherzinsen von 120% und mehr aus, mit denen sich bislang die örtlichen Kredithaie an der Not ihreer Kunden schadlkos hielten.
Auf diese Weise hat sich Nobelpreisträger Junus, wie die „Financial Times“ anerkennend vermerkt, in der Welt des Finanzkapitals bleibende Verdienste erworben. Er hat eine ganze große Abteilung von Menschen zu verlässlichen Schuldnern gemacht hat, die von den Banken bislang mangels Zahlungsfähigkeit und überhaupt mangels hinreichend entwickelter Geschäftstätigkeit ignoriert wurden. Er hat den Anstoß gegeben, so die Financial Times, für ein „60 Mrd.$-Geschäft mit ca. 100 Millionen Kunden als fruchtbarer Boden für kommerzielle Anbieter, was zeigt, dass kleine Kredite – oft mit wucherischen Zinsen – große Gewinne erzeugen können.“ (FT 20.7.10)
Entsprechend begeistert haben sich daher auch die Finanzkapitalisten der Welt auf diesen neu erschlossenen Kreditmarkt geworfen, so dass er inzwischen über die ganze Südhalbkugel der Erde verbreitet ist. „Auf einmal sind Mikrokredite nicht mehr nur was für Wohltäter, sondern auch für gierige Anleger“, zitiert die Financial Times einen aus der Branche. Sie sehen das noch längst nicht ausgeschöpfte Potential, nämlich „3 Milliarden Menschen, die von weniger als zwei Dollar am Tag leben,“ wie sich Großinvestoren und Anlageberater begeistern.
Die ersten spezialisierten Mikrokredit-Großbanken in Indien, Mexiko, Argentinien sind bereits erfolgreich an die Börse gegangen. Denn das Geschäft brummt. Immerhin fallen für Mikrokredite meist 30%-60% Zinsen pro Jahr an und trotzdem lag die Ausfallquote bislang bei weniger als 2% – dank des „Gruppendrucks und des Zögerns der Schuldner, ihre einzige Geldquelle versiegen zu lassen“, wie Financial-Times-Experten kennerhaft die Kreditbonität echter Armut erläutern.
Die Armut wird mithin zu einer dank ihrer Massenhaftigkeit milliardenschweren Kapitalanlagesphäre, für die sich immer neues Finanzkapital gewinnen lässt. Inzwischen hat sich fast jede Großbank ihre eigene Mikrokreditabteilung zugelegt, nicht nur, weil das so schön wohltäterisch aussieht, sondern weil das Mikrokreditgeschäft sich auch bestens als eigene Quelle der Kapitalbeschaffung eignet. Mit einer finanziell wie moralisch gleichermaßen höchst ertragreichen Anlagemöglichkeit für ihre Ersparnisse lassen sich neue, gerade ethisch besonders sensible Kundenkreise mobilisieren, für die das finanzkapitalistische Treiben ansonsten höchst anrüchig ist. Mit eigenen Fonds und anderen ungemein „nachhaltigen“ Finanzprodukten bieten die Banken ihnen eine ebenso saubere wie profitable Kapitalanlange. So hat sich die Deutsche Bank mit der moralisch schwer verantwortlichen Oikocredit-Bank zusammengetan, um ihren Anlegern „sehr gute Anlagemöglichkeiten“ und „sichere Investmentgelegenheiten“ zu bieten, die ethisch dazu noch das Prädikat „Besonders Wertvoll“ tragen.
Die derart erfolgreich in Gang gebrachte Kapitalbeschaffung macht den Banken den süßen Sachzwang auf, ihr Geschäft ständig auszuweiten. Schließlich muss die Masse Armer, bei denen man ein paar Milliarden 100-Dollar-weise unterbringen kann, erstmal aufgetan werden. Daher blüht inzwischen die Konkurrenz der Mikrokreditbanken um die Armen und auf die geschäftsdienliche Verwendung der Mikrokredite wird eher nicht so genau geachtet. Längst kommt es da auch nicht mehr darauf an, ob der Schuldner mit dem Kredit ein Geschäft aufmacht. Denn dem Finanzkapital ist es im Prinzip egal, was seine Schuldner mit dem ihnen geliehenen Geld machen, Hauptsache der Kredit bewährt sich durch Zins und zuverlässigen Rückfluss als Kapital in den eigenen Bilanzen.
Da bekommt schon mal ein armen Schlucker gleich von mehreren Banken einen Mikrokredit aufgedrängt, obwohl ihm dazu in seiner Not nichts anderes einfällt als ihn mit seiner Familie zu verfressen. Oder auf einer Dorfstraße machen auf einmal vier Verkaufsstände gleichzeitig nebeneinander auf und ruinieren sich gegenseitig ihr spärliches Geschäft, jeder von einer anderen Bank per Mikrokredit finanziert. Für die Finanzexperten liest sich dieses Problem so: „Leichtes Geld überflutete den Markt und machte es für arme Dörfler und Slum-Bewohner zu einfach, an Geld zu kommen“ – und so sollte das natürlich nicht gemeint sein.
Denn wenn auf diese Weise zur ganz normalen Armut auch noch der Zwang der Kreditrückzahlung tritt, treibt das schon mal die eine oder die andere Schuldnerin in den Selbstmord und auf diese wie auf weniger dramatische Weise die Kreditausfallquoten in die Höhe. Andererseits ist dieses Risiko in den happigen Zinsen ohnehin längst mehrfach „eingepreist“. Von Finanzkrise ist daher beim Mikrokreditgeschäft des Finanzkapitals bislang kaum die Rede. Auf die Armen dieser Welt ist eben Verlass.
Dennoch ist in letzter Zeit Kritik an dieser menschheitsbeglückenden Idee aufgekommen, allerdings deshalb, weil sie die Möglichkeiten des Geschäfts gar nicht richtig ausnutzt. Die Mikrokreditbanken haben es, wie die FAZ anmerkt, „nicht geschafft, das Problem zu lösen, dass Finanzdienstleistungen in Afrika immer noch stark unterentwickelt sind.“ Wirkliches „empowerment“ bedeutet nämlich, so die Financial Times, „über Mikrokredite hinauszugehen zu Sparkonten und anderen Finanzprodukten, so dass die Armen dieser Welt ein volles Spektrum an Finanzdienstleistungen zur Verfügung haben.“ So wird die Tatsache, dass für Milliarden Arme auf der Welt Geld zum unerlässlichen Mittel für das schiere Überleben geworden ist, zur Grundlage dafür, ihnen noch ganz andere Finanzgeschäftsangebote zu machen als bloße Mikrokredite, auf dass auch diese Sphäre der Not zu einer sich stetig erweiternden Reichtumsquelle für das Finanzkapital werde.

Zurück zu Mohammed Junus: den bekümmert nicht nur seine Entlassung, sondern die ganze Entwicklung, die seine Idee genommen hat. Er will für was anderes stehen, für das gute Finanzkapital im Dienste der Menschen. Und da weiß er sich einig mit den zahlreichen Freunden der Dritten Welt. Für die sind Mikrokredite einer der gelungensten Anwendungsfälle jenes ohnehin nur in dieser Verwendung zu zweifelhaften Ehren gekommenen und mit altchinesischer Weisheitsgarantie versehenen Leitspruchs der sogenannten „nachhaltigen Entwicklungshilfe“: „Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie mehr hungern“. Wahrlich, wahrlich, was kann so gut diese „Nachhaltigkeit“ garantieren wie Mikrokredite, die Wunderwaffe der „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Für sie alle noch mal langsam zum Mitschreiben die modernisierte Version dieses Sprichwortes:
Nimm einem vom Kapital bislang verschonten Drittweltlandbewohner seine Subsistenzgrundlage, seinen Acker, seine Weide- und Fischgründe, weil die für kapitalistisch produktivere Zwecke gebraucht werden, so wird er zum Hungernden. Wenn du ihm dann Geld gibst, um Brot zu kaufen, so wird er einen Tag satt. Wenn du ihm aber durch einen Mikrokredit den Zwang aufmachst, Geld zu verdienen, um die Forderungen des Finanzkapitals zu bedienen, dann wird er nie mehr aufhören, sich für die Vermehrung des ihm geliehenen Kapitals nützlich zu machen, sich diese vielmehr zu seinem Lebensinhalt machen – die Banken, Fonds und ihre „nachhaltig“ und „sozial verantwortlich“ denkenden Investoren wissen es zu schätzen.